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Fakultät Sozialwissenschaften

KoSpiRIT - Kooperative Spiele und verbundenheitsförderliche Arbeitsgestaltung für resiliente und innovative Teams

Für die Resilienz und Innovationskraft von Beschäftigten, Teams und Organisationen stellen gelingender interpersonaler Austausch und gute interne Sozialbeziehungen zentrale Faktoren dar, die durch soziale Verbundenheit als soziales Phänomen und psychologisch messbare Größe gesichert werden. Soziale Verbundenheit ist somit ein potenter Ansatzpunkt resilienzbezogener Maßnahmen, als solcher für eine zielführende praktische Umsetzung aber noch unzureichend beforscht, obwohl sozial erosive Prozesse der Hybridisierung und Flexibilisierung von Arbeit dringenden Handlungsbedarf erzeugen. 

Verbundenheitsförderliche Arbeitsgestaltungs- und Teambuilding-Maßnahmen müssen für nachhaltigen Erfolg und Akzeptanz durch Beschäftigte auf einer Analyse der gegebenen Beziehungsqualitäten basieren und passgenau eingesetzt werden. Hierzu sind bislang jedoch keine validierten Instrumente vorhanden. Insbesondere kooperativen Spielen eignet ein großes, aufgrund dieses Desiderates noch ungenutztes Potenzial.

Um Voraussetzungen und Fördermöglichkeiten von Verbundenheit in flexibilisierten Arbeitszusammenhängen als Grundlage von individueller, Team- und organisationaler Resilienz theoretisch greifbar und praktisch nutzbar zu machen, erfolgt im interdisziplinären Verbund aus Wissenschafts- und Praxispartnern die partizipative Entwicklung eines Toolsets zur Diagnose sozialer Verbundenheit und Empfehlung passender Arbeitsgestaltungsmaßnahmen und kooperativer Spiele für ihre Stärkung, das in der IT-Branche erprobt und branchenübergreifend über ein Multiplikatorennetzwerk verbreitet wird.

Die Sozialfoschungsstelle setzt den Fokus ihres Teilvorhabens dabei auf verbundenheitsförderliche Arbeitsgestaltung und ihre Verortung im Kontext menschengerechter Arbeit aus arbeitssoziologischer und medienwissenschaftlicher Perspektive. So sollen das in der Forschung erstarkende systemische Verständnis von Resilienz gezielt wissenschaftlich weiterentwickelt und anwendungsorientiert für die Praxis aufbereitet werden. 

Resilienz als Anpassungsfähigkeit von Unternehmen, Teams und Individuen an die sie konfrontierenden dynamischen Herausforderungen, die rechtzeitig erkannt, erfolgreich bewältigt, unter schneller Erholung verarbeitet und zur Weiterentwicklung genutzt werden wollen, ist in all ihren Facetten stark abhängig von funktionaler Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Handlungsfähigkeit. Zentral hierfür sind interpersonale Prozesse des Austauschs zwischen verschiedenen Perspektiven in einem dafür geeigneten Organisationsklima. Einen bedeutenden Faktor für die Nachhaltigkeit solcher Austauschprozesse stellt der vorhandene Grad sozialer Verbundenheit zwischen Kolleg*innen dar, weswegen die Qualität der Sozialbeziehungen in Unternehmen als Schlüsselstelle zur Herstellung, Sicherung und Förderung von Resilienz auf der Individual-, Team- und Organisationsebene anzusehen ist. Hier zeigt sich allerdings ein doppeltes Desiderat, insofern als soziale Verbundenheit als potenter Ansatzpunkt resilienzbezogener Maßnahmen für eine zielführende praktische Umsetzung einerseits noch nicht hinreichend wissenschaftlich erforscht und operationalisierbar ist, andererseits in existenten Praxishilfen zu ihrem Ausbau empfohlene Maßnahmen aufgrund von fehlender Passgenauigkeit oft nicht die erwünschten Wirkungen zeigen.

So setzen vorhandene Empfehlungen zur Förderung von sozialer Verbundenheit in Belegschaften unter anderem auf räumlich verbindende Maßnahmen der Arbeitsgestaltung wie Smart Working oder Teampräsenztage sowie auf Teambuilding-Events und (kooperative) Teamspiele. Obgleich diese Maßnahmen grundsätzlich das Potenzial einer Förderung von Verbundenheit, Kooperation und Kreativität haben, zeigen die praktischen Erfahrungen der projektbeteiligten IT-Unternehmen sowie die Beratungspraxis des Projektpartners AuG, dass Teambuilding-Maßnahmen mit Event- oder Spielcharakter bei den Beschäftigten eher auf Widerstände stoßen und Arbeitsgestaltungsmaßnahmen eher den Ausbau von bereits vorhandener Verbundenheit fördern, nicht aber deren Aufbau zwischen noch distanzierten Gruppen. Um Differenzen und Distanzen in zunehmend diversifizierten und verteilt arbeitenden Belegschaften entgegenzuwirken, Sozialbeziehungen zu verbessern und so die Resilienz der Beschäftigten, Teams und Organisationen zu erhöhen, fehlen hier Möglichkeiten der differenzierten und passgenauen Empfehlung vorhandener Maßnahmen, die nicht nur zum Ausbau und Erhalt, sondern auch zur Herstellung arbeitsbezogener Verbundenheit beitragen. Um die erwünschten Wirkungen zu zeigen und von der Belegschaft akzeptiert zu werden, müssen, so die Ausgangsthese des Projekts, sowohl spielerische Teambuilding- als auch Arbeitsgestaltungsmaßnahmen dezidierter danach ausgewählt bzw. konzipiert werden, welche Grade an Verbundenheit zwischen den Beschäftigten herrschen und in welchen Formen diese zusammenarbeiten. 

Auf der wissenschaftlichen Ebene sollen im Projekt die bestehenden Überschneidungsbereiche von psychologischer Verbundenheits- bzw. Einsamkeitsforschung mit angewandter Forschung einerseits zu menschengerechter Arbeitsgestaltung und andererseits zu spielbasiertem Lernen jeweils ergänzt, ausdifferenziert und modellbildend miteinander verbunden werden. Das so entstandene Modell soll genutzt werden, um diese in Ansätzen bestehenden Aspekte zur Analyse und Förderung von Resilienz wissenschaftlich weiter auszuarbeiten und anwendungsbezogen zu vertiefen. Durch diese Verbindung soll ein detailliertes und praxisleitendes Verstehen von arbeitsbezogenen Verbundenheitsformen und Beziehungsqualitäten als Resilienzfaktoren in verschiedenen Formen der Zusammenarbeit sowie auf verschiedenen laufbahnbezogenen Ebenen ermöglicht werden. Das zentrale wissenschaftliche Ergebnis ist damit die Verknüpfung von Resilienzkonzepten mit a) neuartigen Erkenntnissen zum Verbundenheitspotenzial verschiedener Konstellationen der Zusammenarbeit in Organisationen, b) dezidiert auf diese Konstellationen zugeschnittenen Maßnahmen der Arbeitsgestaltung und c) auf die jeweils existente Verbundenheitsausprägung passenden kooperativen Spielen. 

Die technischen Ziele liegen in der partizipativen Entwicklung, Erprobung und Validierung eines praxisnahen Tools zur Diagnose und Beschreibung von sozialer Verbundenheit in und zwischen Teams und die Ableitung evidenzbasierter Maßnahmen zur Stärkung relevanter Dimensionen von sozialer Verbundenheit als Schlüsselfaktor für die (Weiter-)Entwicklung von individueller, Team- und organisationaler Resilienz. Dies soll technologiegestützt durch eine Weboberfläche (als Abfragetool mit hinterlegter Datenbank) mit Begleitmaterialien zur Unterstützung der betrieblichen Anwendung realisiert werden. Konkret soll das Toolset folgende Funktionen beinhalten und Anwendungsgebiete ermöglichen: 

1. Analyse der Verbundenheit im Unternehmen / der Teamstrukturen

2. Festlegung geeigneter Entwicklungsziele für die Verbundenheit im Team

3a. Auswahl geeigneter Arbeitsgestaltungsmaßnahmen

3b. Auswahl geeigneter kooperativer Spiele zum Aufbau der Verbundenheit

4. Nutzung der o. g. Schritte als kontinuierlicher Verbesserungsprozess im Rahmen von BGM/BGF oder HR-Aktivitäten

Als Verbundprojekt der Fördermaßnahme "Arbeitshandeln für Kreativität, Innovation und resiliente Wertschöpfung (AKIRes)" innerhalb des BMFTR-Programms „Zukunft der Wertschöpfung“ verfolgt das Projekt KoSpiRIT die doppelte Zielsetzung, Voraussetzungen und Fördermöglichkeiten sozialer Verbundenheit in flexibilisierten, hybriden Arbeitszusammenhängen als Grundlage von individueller, teambezogener und organisationaler Resilienz sowohl wissenschaftlich greifbar als auch praktisch nutzbar zu machen. 

Mit diesem Ansatz zielt das Vorhaben darauf ab, besonders KMU zu befähigen, die Verbundenheit ihrer Beschäftigten in herausfordernden Konstellationen und Arbeitsbeziehungen gezielt auf- und auszubauen, um so die Resilienz von Beschäftigten, Teams und Organisationen zu stärken. KMU sollen ein handhabbares Instrumentarium zur Erfassung ihres Bedarfs und ihrer Fördermöglichkeiten erhalten, um in Zeiten des Fachkräftemangels, der Diversifizierung von Belegschaften und Entgrenzung von Arbeitszusammenhängen den Zusammenhalt ihrer Belegschaft und damit ihre eigene Anpassungsfähigkeit zu stärken.

Das zentrale Ergebnis ist ein Toolset für Betriebe und überbetriebliche Akteure, das bei der differenzierten Analyse der Sozialbeziehungen in verschiedenen Arbeitskonstellationen unterstützt, geeignete Entwicklungsperspektiven in Bezug auf resilienzfördernde Elemente aufzeigt und eine Auswahl und Umsetzung der je geeignetsten Arbeitsgestaltungsmaßnahmen und kooperativen Spiele zur Stärkung der Verbundenheit ermöglicht, um resilienzbezogene Maßnahmen passgenauer, akzeptanzförderlicher, effizienter und nachhaltiger zu machen. In das Toolset fließen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, der Erhebungen im Projekt, der praktischen Erprobung, der Validierung seitens begleitender Experten und der Evaluation ein, die im Laufe des Projektes partizipativ im Wissenschafts-Praxis-Verbund durchgeführt werden. Das Toolset wird, als Webanwendung umgesetzt, betrieblichen und überbetrieblichen Akteuren zur Verfügung stehen. 

KoSpiRIT ist in die fünf Projektstufen des Mappings, der Modellierung, der Erprobung, des Transfers und der Verbreitung gegliedert (vgl. Abbildung 1). Die Phase des Mappings dient der Schaffung der Grundlagen für den Ausbau von Resilienz in Unternehmen über die Förderung von Verbundenheit durch Maßnahmen der Arbeitsgestaltung und durch kooperative Spiele. Dies geschieht über eine wissenschaftliche und praktische Bestandsaufnahme und eine Feld-Skizzierung von verwendbaren Kriterien, in Frage kommenden Maßnahmen, Spielen und den Erfahrungen damit. Die Ziele dieser Phase sind 1) die wissenschaftliche Bestandsaufnahme aus der Perspektive verschiedener arbeitswissenschaftlicher Disziplinen und Methodenentwicklung, 2) die praktische Bestandsaufnahme und Feld-Skizzierung über Praktiken in Unternehmen und der Beratungslandschaft, 3) die Bestandsaufnahme der Kooperations- und Verbundenheitsstrukturen in den zwei Partnerunternehmen aus der IT-Branche sowie 4) das Erstellen einer Übersicht geeigneter kooperativer Spiele.

Die Phase der Modellierung überführt die in der Phase des Mappings vorgenommenen Kartierungen und anderen Ergebnisse der Unterarbeitspakete als Einzelbausteine in ein integriertes Gesamtkonzept. Dabei werden Problemkonstellationen aus Verbundenheitsformen, Kooperationsstrukturen und Rahmenbedingungen der Arbeit mit zugeordneten verbundenheitsbezogenen Entwicklungsbedarfen modellhaft entworfen und Typologien von in der betrieblichen Praxis vorhandenen und durch Gestaltungsmaßnahmen adressierten Problemkonstellationen gebildet. Auf dieser Basis werden zuletzt die betrieblich und überbetrieblich identifizierten Problemkonstellationen über die Ebene der typisierten Entwicklungsziele a) spielbasierten Präventions- und Interventionsangeboten und b) verbundenheitsförderlichen Arbeitsgestaltungsmaßnahmen zugeordnet (Kooperations−Verbundenheits−Interventions-Matrix). So entsteht partizipativ unter Bündelung der verschiedenen Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis ein erster Tool-Entwurf, der nachfolgend in den Unternehmen und der unternehmensübergreifenden Beratungspraxis getestet werden kann. 

Die nächste Phase umfasst dann die betriebliche und überbetriebliche Erprobung des Tool-Entwurfs zu dessen Validierung und Weiterentwicklung. Der Entwurf soll durch Einzelpersonen im Unternehmen nutzbar sein (z. B. Führungskräfte, Betriebliches Gesundheitsmanagement) und eine Beschreibung der Rahmenbedingungen der Arbeit, der Kooperationsstrukturen sowie eine Einschätzung der Verbundenheit ermöglichen und auf dieser Basis Hinweise für mögliche Interventionen i. S. kooperativer Spiele sowie verbundenheitsförderlicher Arbeitsgestaltungsmaßnahmen geben, die durch Hinweise zur Implementierung ergänzt werden und damit gut erprobt werden können.Begleitend wird die Evaluation der Nutzung des Tools durchgeführt, die sowohl die durch das Tool empfohlenen Maßnahmen zur Arbeitsgestaltung sowie die empfohlenen kooperativen Spiele als auch die Usability des digitalen Tool-Entwurfs in den Blick nimmt (Prozessevaluation).

Die Phase des Transfers fokussiert auf die Konsolidierung der Ergebnisse. Die erstellten Datenbanken von verbundenheitsförderlichen Arbeitsgestaltungsmaßnahmen sowie kooperativen Spielen samt relevanter Handlungshilfen und Transfermaterialien ermöglichen die darauf aufbauende Entwicklung und Finalisierung des digitalen Tools samt einzeln nutzbarer Datenbanken mit Sammlungen von Analyseinstrumenten, verbundenheitsförderlichen und resilienzstärkenden Arbeitsgestaltungsmaßnahmen und kooperativen Spielen.

Die Phase der Verbreitung umfasst die Wissenschaftskommunikation der Ergebnisse über die gesamte Projketlaufzeit hinweg sowie die Verankerung des erarbeiteten Tools mit Webapplikation sowie der Übersichten der Maßnahmen und kooperativen Spiele mit begleitenden Umsetzungshinweisen und Empfehlungen in der betrieblichen Praxis − sowohl direkt in den Projektunternehmen, die diese in ihr BGM und ihre Personalentwicklung integrieren, als auch mittelbar über die Beratungspraxis von PAG und die Verbreitung über das projektbegleitend ausgebaute Multiplikatorennetzwerk.

Abbildung 1: Integrativer Forschungsprozess im Projekt KoSpiRIT